10 Fragen an Thomas Wagner: Starke Meinungen in der SEO

Das erwartet euch in diesem Artikel

  • Was kann man von der Unternehmensberatung für SEO lernen?
  • Warum lohnt es sich, seine Meinung offensiv zu vertreten?
  • Wo kann man sich fortbilden?

Grafik: Interviewthema Thomas Wagner

Hallo Thomas und danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Viele unserer Leser kennen dich sicher schon als meinungsstarken SEO aus Leipzig mit deiner Firma mi-service. Aber stelle dich doch bitte einmal selbst vor.

Hallo Oliver. Danke, dass ihr mich zum Interview gebeten habt. Es freut mich, dass ich als SEO wahrgenommen werde. Und meine Heimatstadt, “The Better Berlin ;)”, freut sich sicher auch. Es scheint also, dass die letzten 19 Jahre Selbstständigkeit nicht ganz spurlos an der Öffentlichkeit vorbeigangen sind.

Ich bin 42 Jahre, verheiratet und wohne im Speckgürtel von Leipzig. Meine frühen Jahre habe ich viel in Unternehmensberatungen verbracht und dort das Thema “Neue Medien für KMU” bespielt. Das Thema Online-Marketing begleitet mich also schon seit 1999. Mit SEO beschäftige ich mich jetzt seit ca. 8-10 Jahren unterschiedlich intensiv. Aktuell macht eine Online-Marketing-Sicht auf SEO einen Großteil meiner Arbeit aus.

Durch den Hintergrund in Unternehmensberatungen ist dir ja sicher vor allem die Überzeugungsarbeit bekannt. Warum braucht man eine Website? Warum braucht man SEO? Warum ist mobile auf einmal wichtig? Und so weiter. Wie gehst du vor, um Geschäftsführer zu überzeugen?

Ja. Ja und Ja. Ich saß schon oft in Runden mit Geschäftsführern, wo (vor allem ältere Inhaber von Unternehmen) die Internetpräsentation in Frage gestellt haben. Ein Zitat aus so einer Runde: “Herr Wagner, glauben Sie wirklich, dass da draussen jemand nach unserer Dienstleistung im Internet sucht, auf unsere Seite kommt und dort dann eine Nachricht an uns schickt?”. Meist kommt dann betretenes Schweigen der Mitarbeiter.

In Auftaktberatungen bringe ich dann praxisnahe Best-Practice-Beispiele. Wenn der Prozess schon etwas weiter ist, überlasse ich diese Argumentation gerne den betroffenen Mitarbeitern im Unternehmen. Oft haben die gute Zahlen dazu, wie viele Kontakte über das Internet schon entstanden sind.

Oft fällt mir auf, das SEO nur der Türöffner ist und ich dann plötzlich in den Unternehmen riesige Online-Marketing-Baustellen aufmache(n muss). Denn in vielen Fällen ist das Thema Internet noch gar nicht “seo-tauglich”.

Wobei ich eigentlich feststellen möchte, dass das nicht mehr der Normalfall in meiner Arbeit ist. Das liegt aber auch daran, dass ich in der glücklichen Lage bin, nicht jeden Kunden nehmen zu müssen. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass dort draußen noch viele Unternehmen sind, die das Potential des Internet nicht für sich entdeckt haben. Und die Politik versucht ja auch gerade alles, um das Internet zu einem ungemütlichen Ort für Unternehmer zu machen.

Die Mitarbeiter einzubinden ist sicher ein sehr guter Ansatz. Aber wo du es ansprichst: Nach welchen Kriterien wählst du deine Kunden aus? Kann es auchmal jemand sein, der zwar keine Ahnung hat – aber ein spannendes Projekt? Oder suchst du dir Partner aus, mit denen du “einfacher” diskutieren kannst?

Gute Frage. Ich mag Kunden, die schon eigenes Know-how im Bereich online haben. Dann arbeitet es sich deutlich effektiver. Zumal ein Großteil meiner Arbeit tatsächlich die Wissensvermittlung in das Unternehmen ist.

Natürlich nehme ich auch Kunden an, wo noch kein Vorwissen vorhanden ist. Das beginnt dann aber selten mit SEO, sondern oft mit klassischem Projektmanagement, um die Strukturen zu schaffen. Hier bin ich dann sehr oft die Schnittstelle zu anderen Dienstleistern (wie z.B. Programmierern).

Ansonsten gebe ich zu, dass bei der Kundenauswahl das Bauchgefühl sehr, sehr wichtig geworden ist. Und damit fahre ich in den letzten Jahren wirklich gut.

Hinzu kommt ein sehr hohes Maß an Ehrlichkeit und Transparenz meinerseits. Ich spreche Probleme immer sehr direkt an. Das stößt dann schon mal dem ein oder anderen negativ auf. Aber ich werde ja nicht fürs freundlich sein bezahlt. Ich glaube fast, mit dieser Art habe ich mir einen Ruf aufgebaut und bekomme dadurch schon natürlich “vorgefilterte” Anfragen.

Das kann ich mir gut vorstellen. Kommt dieser Ansatz aus der Unternehmensberatung? Denn auch dort sollst du ja im Bestfall nicht Honig ums Maul schmieren, sondern schonungslos Probleme und Potentiale aufzeigen.

Bei mir? Definitiv ja. Auch wenn Unternehmensberater ja keinen guten Ruf haben. Ich hatte früher viel mit der Sanierung von Unternehmen zu tun. Da konnte man keinen Honig mehr finden. Noch nicht mal ein leeres Honigglas. Daher kommt vermutlich meine Art, die Finger in die Wunde zu legen.

Ich denke, dass der betriebswirtschaftliche Ansatz auch im SEO wichtig ist. Wie oft erlebe ich, dass ein Unternehmen keine Ziele für SEO und OM definiert hat. Oder nur sehr weiche wie “mehr Rankings”. Hier setzt dann meine Arbeit an. In jedem SEO-Vortrag und -Seminar habe ich Folien, die sich auf betriebswirtschaftlichen Erfolg beziehen. Das ist mir wichtig. Und Geschäftsführern auch.

Und es ist keine Arbeit für den Praktikanten. Leider sehe ich das noch viel zu oft. Sowohl in Agenturen (was ich ganz schlimm finde), als auch bei Unternehmen. So kann kein langfristiges Wissen im Unternehmen entstehen.

Grafik: Was sind die Ziele von SEO ROI

Abb. 1: SEO-Maßnahmen müssen sich rechnen (© Thomas Wagner).

Grafik: Was sind die Ziele von SEO Glaskugel

Abb. 2: SEO ist ein solides Handwerk (© Thomas Wagner).

Du machst also weniger SEO an den Seiten der Kunden, sondern befähigst sie durch deine Analysen und Schulungen, es selbst in die Hand zu nehmen? Heißt das, dass du eher kurz mit Kunden zusammenarbeitest – oder holen sich manche dein Know-how auch langfristig ins Haus?

Das ist eine Mischung. Am Anfang mache ich, gemeinsam mit dem Kunden, noch viel an der Seite. In der Zeit erkläre ich unheimlich viel. Warum? Wieso? Weshalb? Der Kunde lernt dann laufen. Es ist auch gar nicht sinnvoll, dass ich langfristig darauf achte, dass so profane Dinge wie Überschriften, Title, Description, etc. ordentlich gepflegt werden. Wenn der Kunde das kann, gehen wir zur nächsten Baustelle. Bis der Kunde auch diese beherrscht.

Dadurch habe ich Kunden, die ich schon seit Jahren begleite. Aber eben in unterschiedlicher Intensität und immer wieder mit neuen Themen.

Natürlich habe ich auch Kunden, die mich direkt für ein Problem oder sogar Teilproblem buchen. So habe ich z.B. gerade für ein Unternehmen im Relaunch-Prozess ausschließlich das Redirect-Thema bearbeitet, damit andere Dienstleister davon befreit sind. Das war eine Firma, die hatte in den letzten 7 Jahren 5 Systeme verschlissen und die .htaccess hatte knapp 6.500 Weiterleitungsregeln. Jetzt sind es noch knapp 160.

Für mich ist diese Art der Arbeit sehr spannend, da ich dadurch täglich andere SEO-Baustellen habe. Und wenn es ganz knifflig wird, liebe ich mein Netzwerk und die große Zahl an Spezialisten, die es in der Szene gibt.

Das macht die Arbeit auf jeden Fall schön abwechslungsreich. Wie gehst du denn damit um, wenn du dein Wissen teilen möchtest – aber es nicht angenommen wird? Es gibt ja sicher immer mal wieder Kunden, die es im Endeffekt doch alles besser wissen. Oder auch Bürgermeister, wie du letztens in deinem Vortrag auf der OTMR erzählt hast.

Da bin ich mittlerweile ziemlich hart. Von solchen Kunden trenne ich mich. Wir passen dann nicht zusammen. Oft sieht man sich aber 2x im Leben. Und manchmal passt es dann im zweiten Anlauf.

Und das Thema “Bürgermeister” ist so eine Sache. Da haben wir in Leipzig eher nicht so SEO-affine Menschen. Du spielst bestimmt auf diese Geschichte sowie das offizielle Statement der Stadt Leipzig dazu an:

“Natürlich ist ein derartiger Einbruch im Sichtbarkeitsindex nicht schön, wurde aber von uns erwartet und in Kauf genommen. Schließlich haben wir das komplette leipzig.de von einem File- in ein Datenbanksystem umgebaut und dabei auch gleich in großen Teilen inhaltlich vollständig umgekrempelt. So wurden viele frühere Seiteninhalte auf mehrere Seiten verteilt oder entsprechend zusammengefasst. Deshalb haben wir aufgrund des damit verbundenen Aufwands bewusst darauf verzichtet, für viele tausende URLs Weiterleitungen einzurichten, die so wahrscheinlich inhaltlich sowieso nicht mehr eindeutig funktioniert hätten.”

Mehr möchte ich dazu eigentlich nicht sagen. Wer mehr zu dem Thema möchte, darf gerne mal ein Seminar oder einen Vortrag von mir besuchen.

Das wäre sicher lohnenswert! Du vertrittst deine Meinung zu allen möglichen SEO-Themen ja immer sehr fundiert. Wie bildest du dich weiter, um immer auf dem aktuellen Stand zu sein?

Danke für das Kompliment. Es freut mich, wenn ich so wahrgenommen werde. Weiterbildung ist tatsächlich gar nicht so einfach. Am Ende ist es viel lesen, hören und AUSPROBIEREN. Manchmal muss halt eine eigene Domain für ein Experiment herhalten.

Ansonsten versuche ich, selber Konferenzen und Seminar zu besuchen. Ich glaube, in diesem Jahr war ich schon fast 14 Tage unterwegs und habe mich mit anderen ausgetauscht.

Darüber hinaus bin ich in der ein oder anderen Facebook-Gruppe, Skype-Gruppe, Slack-Chat, Facebook-Chat und was es noch so gibt, um mich mit Kollegen auszutauschen.

Und wenn ich mal was nicht weiß, habe ich keine Angst, das zu sagen und andere zu fragen.

Und die nächste Frage nehme ich gleich vorweg. Als Konferenz (oder eher Unkonferenz/Barcamp) mag ich die Campixx (und die Ableger wie Contentixx und M3) aber auch solche kleinen Treffen wie die OMTalks. Gerade diese kleinen Runden sind so Mega-intensiv! Dazu dann den ein oder anderen Stammtisch. So große reine Speaker-Konferenzen sind gar nicht so mein Ding. Wobei ich es fast immer bereue, dass ich es verpasse, für den SEO-Expert-Day ein Ticket zu bekommen. Und den OMT-Club mit seinen vielen kostenlosen Online-Seminaren möchte ich auch nicht missen.

Als Ergänzung kommen dann solche Konferenzen/Barcamps wie #OTMR oder #BSEN.  Diese themenübergreifende Veranstaltungen helfen mir, immer wieder den Blick zu schärfen und gleichzeitig den Horizont zu erweitern.

Legendär sind für mich immer noch die 2 #50l100s. Das war 2x Input auf so hohem Niveau, dass ich auch heute noch Dinge davon nutzen kann. Und es hat natürlich dem eigenen Netzwerk gut getan.

Der Austausch ist bei so kleinen Runden definitiv intensiver. Und man hört auch mal von den Sachen, die auf den großen Bühnen nicht gesagt werden können. Wir hatten ja auch vor kurzem die Diskussion, wie Menschen, die von dem Thema noch keine Ahnung haben, verhindern können, auf die üblichen Verdächtigen reinzufallen und viel Geld zu verbrennen. Was wären hier, neben den erwähnten kleinen Treffen, deine Tipps, damit diese Leute eine vernünftige Beratung erhalten?

Das ist echt schwer. Ich appelliere immer an den gesunden Menschenverstand. Wobei ich da die Speaker auf Konferenzen gar nicht als Problem sehe.

Ich erkläre den Leuten, sie sollen hinterfragen. Wie kann es sein, dass die ganzen guten SEO-Agenturen alle voll bis oben hin sind, aber die Kaltakquise-Mail mir für 169 Euro im Monat Platz 1 Rankings verspricht? Oder warum sollte jemand, der täglich 3.578,32 Euro mit Online-Marketing verdient, mir dieses Wissen in einem Online-Kurs verraten? Für 299 Euro. Achnee. Heute für 199 Euro. Und wenn ich in den nächsten 3 Minuten buche für 39,99 Euro. Oder warum bekomme ich Online-Marketing-Tipps für die reinen Versandkosten (und meine Kontaktdaten), nur weil das Papier zu dünn ist?

Wobei sich hier natürlich gutes Wissen dahinter verbergen kann. Im Zweifel machen und bewerten. Das dünner Papier habe ich, z.B. auch gekauft um mir den Funnel dahinter anzuschauen. Aus solchen Dingen lerne ich.

Wohl wahr. Es werden gefühlt auch immer mehr Leute, die diese schnell und hektisch reich werden Schiene fahren. Hast du eine Idee, wie man diese Welle an Neppern stoppen kann – außer durch gesunden Menschenverstand natürlich?

Nein. Da habe ich tatsächlich keine Idee. Die Zielgruppe ist oft einfach nicht empfänglich für die Realität. Und manchmal muss man einfach Lehrgeld zahlen.

Das stimmt wohl. Kannst du uns dann zum Abschluss ein paar Websites und Gruppen empfehlen, in denen sich Neulinge schlau machen können, bevor sie ins Verderben rennen?

Das ist gar nicht so einfach. Da muss jeder das Richtige für sich finden. Die Blogs der großen Tool-Anbieter sind sehr gut – also Sistrix, Ryte oder Searchmetrics. Aber es gibt so viele kleine Seiten, die teilweise nur sporadisch posten, dann aber echte Kracher.

Für den Überblick? Unbedingt die großen SEO-Gruppen auf Facebook. Oder interessanten SEOs auf Twitter folgen.

Und ansonsten mein wichtigster Ratschlag: Nutzt die Gruppen um Fragen zu stellen! Nur durch Mitlesen wird man niemals alles verstehen. Da der Oliver mich außerdem gerade hinter vorgehaltener Hand unter der Androhung einer Russen-Link-Spam-Welle dazu zwingt, etwas genauer zu werden: Wenn ihr euch auf Facebook rumtreibt, dann unbedingt in “WordPress & SEO – Allgemeine Fragen” reinschauen. Und für alle Oldschooler: im Abakus Forum steckt immer noch viel Wissen.

Lieber Thomas, danke für deine Gesprächsbereitschaft und die offenen Worte.

Über den Autor

Oliver Engelbrecht

Chefredakteur
Nach meinem Studium der Politikwissenschaft (mit dem Schwerpunkt Diplomatie) habe ich zunächst das SEO-Portal aufgebaut und zuletzt als Chefredakteur geleitet. Nun bin ich bei der Agentur LEAP/ für das Marketing verantwortlich und koordiniere unser Magazin GrowthUp - wiederum als Chefredakteur.
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