„SEO ist keine Geheimwissenschaft“ – René Dhemant im Interview

Das erwartet euch in diesem Beitrag

  • Warum ist besseres SEO-Wissen heutzutage so wichtig?
  • Wie wird sich der Markt für SEO-Tools voraussichtlich weiterentwickeln?
  • Warum sollten SEO-Berater manche Kunden unbedingt meiden?

Grafik: Interviewthema René Dhemant

Hallo René, du gibst ja viele Workshops und hast schon früher beim SISTRIX-Blog großen Wert darauf gelegt, Wissen zu teilen. Warum ist das eine Leidenschaft von dir?

Ich transferiere Wissen, damit Unternehmen ein Leben lang davon profitieren können. Mein Bestreben ist es, einzelnen Personen oder ganzen Teams mit meinen praxisbezogenen SEO-Workshops den größten Mehrwert zu bieten und für mehr Transparenz und solides Fachwissen im Bereich Suchmaschinenoptimierung zu sorgen. Das fing schon früh an, als man gesehen hat, dass zu viel gefährliches Halbwissen über SEO vorhanden ist und viele Ungereimtheiten oder Unwahrheiten kursieren. Ganz oft fragen mich immer noch Kunden: “Wir überlegen, mit einem Berater zusammenzuarbeiten, aber wir wissen nicht, wie wir Qualität von Schabernack unterscheiden, weil es so viele falsche und auch widersprüchliche Informationen gibt.” Dies möchte ich ändern und habe mich auf die Mission begeben, besseres SEO-Wissen für alle und erfolgreiche Suchmaschinenoptimierung für wirklich jeden transparent und anwendbar zu machen.

Die andere Säule ist, dass man mit Menschen zu tun hat. Dafür muss man geschaffen sein. Und während manche sagen “Oh Gott, Menschen!”, finde ich es ganz spannend, wenn man anderen Leuten ehrlich hilft und ihnen etwas zeigt, ohne ein Gegeninteresse zu haben. Dann gehen die Menschen mit einem auf einer schöneren Ebene in Resonanz. Der menschliche Austausch steht also im Fokus, und das macht mir besonders viel Spaß.

In unserer Branche gibt es wirklich viele halbseidene Ecken. Bist du jemand, der versucht, sich dagegen zur Wehr zu setzen? Glaubst du, dass man dem mit Qualitätszertifikaten beikommen kann oder hilft nur der Wissenstransfer?

Das ist ja fast schon eine philosophische Frage … Siegel wie vom BVDW finde ich eine tolle Sache, wenn das Ganze sinnvoll reguliert wird und dahinter keine Organisation mit eigenen Interessen steht.

Andererseits liegt der Wert eines solchen Qualitätszertifikats im Auge des Betrachters. Bei mir fragen zum Beispiel Unternehmer an und sagen: “René, wir brauchen SEO-Beratung. Bist du eine Agentur?” Dann sage ich erstmal: “Nein, ein Einzelunternehmer” – “Ah ja, sehr gut! Denn an Agenturen haben wir uns die Finger verbrannt. Und wir haben auch schon drei Milliarden Siegel gesehen, wir wissen aber nicht, was die uns sagen.”

Das heißt, wenn man auf solche Leute trifft, sind diese Siegel hinfällig. Und ja, ich halte sehr viel von Bildung und davon, Menschen „gewinnbringend aufzuschlauen“. Allerdings gibt es auch hier wieder super viele Wege im Internet. Das Spannende ist ja: “Knowledge is a commodity”. Wissen ist frei zugänglich. Sowohl das richtige Wissen als auch das falsche. In Text-, Bild-, Video-, Podcast- und in Interviewform, wie in unserem Fall gerade. Die Kunst besteht also darin, die Spreu vom Weizen zu trennen. Deswegen sehe ich in unserer Branche auch immer noch Bedarf – was mich jetzt wieder zu meiner Mission führen würde.

Du bist ja auch stark in der Toolanbieter-Szene verwurzelt und warst unter anderem für SISTRIX und für searchVIU aktiv. Deutschland ist hier ein einzigartiger Markt – nicht nur mit vielen Anbietern, sondern auch mit zahlreichen Marktführern. Was denkst du, wie sich dieser Markt entwickeln wird?

Mit der SEO-Tool-Landschaft bzw. mit SaaS-Produkten im deutschsprachigen Raum für Suchmaschinenoptimierung verhält es sich ähnlich wie mit der Hosting-Industrie in Deutschland. Vor SISTRIX war ich ja sieben Jahre bei Host Europe, damals ein kleiner Internet-Serviceprovider. Jetzt sind die riesengroß und wurden an GoDaddy verkauft. Als ich vor über zehn Jahren bei Host Europe gestartet bin, ging es schon um das Thema Konsolidierung. Und Host Europe hat ja nichts anderes gemacht, als ganz viele Unternehmen aufzukaufen. So wird es, denke ich, auch bei den Online-Marketing-Tools laufen.

Zwar ist es richtig und auch wichtig, dass immer mehr Tools mit neuen und teilweise richtig guten Ansätzen entstehen. Das darf auch nicht aufhören. Ich gehe aber davon aus, dass es für neue Anbieter zunehmend schwerer wird, im Markt Fuß zu fassen. Gerade weil die „Alteingesessenen“ nicht nur von der Kaufkraft her, sondern auch von den Entwicklungen, Innovationen und Produktupdates her schneller sind. Fortschrittlicher will ich nicht unbedingt sagen, aber möglicherweise eben schneller.

Was wird also passieren? Nun, entweder werden Anbieter aufgekauft – wie vor einigen Jahren SEOlytics von SISTRIX. Die haben dann Kunden übernommen, aber das SEOlytics-Tool praktisch eingestellt bzw. bestehende Keywordmonitorings einfach mit bei sich eingebettet … Oder aber Anbieter gehen insolvent, weil sie den Cashflow nicht hinbekommen, die Churn-Rate zu groß ist, der Investor abspringt oder sie kein Investment mehr bekommen.

Siehst du denn in diesem Markt überhaupt noch eine Lücke für neue Anbieter, um etwas wirklich Revolutionäres anzubieten?

Ich sag es mal so: Von der Technik und von den Daten her ist eigentlich alles gegeben. Spannend wäre daher mal ein Ansatz, der die jeweils definierten Kennzahlen aggregiert, heranzieht und so visualisiert, wie man sie gerne verwenden möchte. Ein so hoher Individualisierungsgrad ist aber wahrscheinlich sehr schwierig abzubilden, weil man dann schnell bei der eierlegenden Wollmilchsau ist.

In jedem Fall würde ich mir wünschen, dass sich einige Produkte trennschärfer positionieren. Anbieter sollten ihre eine geniale Lösung also bis ins kleinste Fachdetail durchdefinieren und sich darauf fokussieren – und die Daten zwar bis tief auf das Expertenlevel erfassen, dieses dann aber auf einfache Weise visualisieren. Genau das vermisse ich bei vielen neuen Produkten, aber teils auch bei alteingesessenen Lösungen. Hier könnte vieles besser gemacht werden.

Das ist ja auch dein Mantra: Bloß nicht vergleichbar sein! Wenn man sich zum Beispiel Agenturen anguckt: Alle machen SEO und SEA und vielleicht noch ein bisschen was anderes. Umso schwerer ist, Unterschiede ausmachen zu können. Wie hebt man sich also von der Masse ab?

Nun … es gibt ja auch SEO-Berater wie Sand am Meer. Leider ist das kein geschützter Begriff, weswegen sich jeder so nennen kann … Zu deiner Frage: Ich selbst grenze mich sozusagen durch nachweisliche Erfolge und tiefgründiges Fachwissen ab. Zum Beispiel waren sicherlich nur die wenigsten SEO-Berater fünf Jahre lang beim Marktführer für SEO-Analysesoftware tätig – da bekommt man natürlich einzigartige Einblicke, gepaart mit einem Wissensvorsprung.

Und dann spielt wohl auch meine Persönlichkeit eine Rolle. Als Einzelunternehmer bin ich das Unternehmen, und alles, was ich rede, denke und formuliere, macht meine Person und damit meine Marke aus. “It’s a people’s business.” Da arbeiten Menschen mit Menschen, Menschen für Menschen, und Menschen tauschen sich aus. Wer ich bin, entscheidet also, wo ich stehe.

Du betonst in deinen Vorträgen immer, dass dir Werte wichtig sind. Wie kommt das und inwiefern helfen Werte dir dabei, dich als Person zu definieren?

Ich glaube, dass nachhaltige Suchmaschinenoptimierung weder Hexenwerk noch Raketenwissenschaft ist. Jeder kann dieses solide Handwerk erlernen und für sein Unternehmen, seine Agentur oder seinen Bereich gewinnbringend anwenden. Dabei möchte ich helfen. Denn ich glaube, wenn man es richtig anpackt, ist SEO die Marketingdisziplin mit der höchsten Rendite. Das ist meine Vision.

Und meine Mission dabei – also warum ich das Ganze mache und wie ich das mache – lässt sich so zusammenfassen: Ich möchte primär für besseres SEO-Wissen sorgen. Das ist meine Aufgabe, und dies schlägt sich natürlich in der Art nieder, wie ich schule, berate, analysiere und reporte. Deswegen lasse ich alle meine Arbeiten vor dem Versenden meist erstmal liegen, um sie später mit etwas Abstand einer genauen Prüfung zu unterziehen. Und wenn ich mit dem Ergebnis nicht rundum zufrieden bin, muss ich eben nochmal ran.

Du sprichst da was an, was ich in unserer Branche sehr interessant finde: Manche Leuten sehen sich als Handwerker, während es am anderen Ende des Spektrums selbsternannte Magier und Rockstars gibt. Du scheinst dich aber eher auf der Seite Handwerker zu sehen. Warum?

Weil SEO keine Geheimwissenschaft ist. Man braucht ein bisschen analytisches und technisches Verständnis. Dann noch ein bisschen Hingabe zum Sachverhalt und vielleicht auch noch zwischenmenschliche Skills.

Bei SEO geht es letztlich immer darum: anschauen, auswerten und umsetzen. Ähnlich wie ein Handwerker, der neues Material einkauft, auspackt und irgendwo einbaut, ist auch SEO etwas Handfestes, Solides. Und jeder, der langfristig SEO gemacht hat, weiß, wie anstrengend es sein kann, wenn man eine Excel-Tabelle mit all ihren Kennzahlen durchwühlt und Tabellen hoch und runter auswertet, miteinander vergleicht und so weiter. Da kommt man irgendwann an seine Grenzen – aber es ist eben auch sehr befriedigend, wenn sich der ganze Aufwand am Ende gelohnt hat und die Wirtschaftlichkeit der zu optimierenden Webseite stetig steigt. Das ist zwar keine körperliche Arbeit im eigentlichen Sinne, sondern eine geistige. Gefühlt hat sie jedoch den gleichen Effekt auf den Körper.

Und gerade, weil so viel Arbeit dahintersteckt, sollte man sehr genau aufpassen, mit welchen Kunden man arbeitet, oder?

Absolut! Ich finde es immer sehr spannend, die Qualität der Anfragen einzuordnen. Mit Qualität meine ich Folgendes: Wissen die Leute überhaupt, wovon sie sprechen? Wissen sie, welche Leistung sie haben möchten und was dabei dann genau passiert? Wissen sie, was sie brauchen – und vor allem auch warum? Und wissen sie, was sie dafür zu zahlen bereit sind …? Das ist ein weiterer Bereich, in dem ein gewisses Maß an Professionalisierung wichtig wäre – und das habe ich mir auch auf die Fahne geschrieben. Unter dem Strich gibt es in der Branche da noch einigen Nachholbedarf, und das wird sich auch nicht über Nacht ändern.

Lehnst du denn auch Anfragen ab, um dir später Ärger zu ersparen?

Es gibt nun einmal Kunden, die SEO einkaufen wollen und denen es völlig egal ist, ob die Beratung oder die operative Leistung tatsächlich wirksam ist. Die wollen einfach nur ein Häkchen auf ihrer Checkliste machen – so nach dem Motto: „Ja, weil wir für SEO bezahlen, machen wir eine gute Suchmaschinenoptimierung.“ Aber entweder wird die Beratung nicht umgesetzt, oder aber die Leistung des Dienstleisters wird nicht gemonitort. Wenn ich sehe, dass es nur darum geht, das eigene Gewissen zu beruhigen, dann lehne ich sofort ab. Denn so kann man nicht erfolgreich sein.

Klar ist: Ohne Umsetzung geht sowieso nichts. Daher sage ich meinen Kunden immer: “Ich bringe Arbeit mit, und ihr müsst diese auch umsetzen können. Das heißt: Gibt es bei euch überhaupt die notwendigen SEO-Prozesse und Manpower?”

Und dann sage ich: “Ich möchte ein Meeting mit einem Techniker, einem Marketing-Menschen und dem PR-Verantwortlichen haben.” Dann gucken mich manche Kunden leicht irritiert an und fragen: “Warum?” Dann erkläre ich, dass sich alles zusammenfügen muss.

Oftmals kümmere ich mich in den ersten drei Monaten auch nur um die prozessuale Steuerung oder das Aufsetzen von Prozessen. SEO als Prozess ist ein unglaublich gewinnbringender Hebel – und hierzu müssen viele Abteilungen an einem Strang ziehen. Das müssen Unternehmen aber auch wollen und können.

Kurzum: Ja, ich lehne Kunden ab. Und das ist auch das Gesündeste, was man machen kann. Für beide Seiten. Für mich, weil das Ganze ja immer noch Spaß machen soll – und für den Kunden, weil ich nur dann mit ihm arbeiten will, wenn ich ihm langfristigen Wert stiften kann.

Alles andere wäre ja auch sinnlos. Eine letzte Frage habe ich noch: Wir teilen die Leidenschaft für härtere Gitarrenmusik, und bekanntlich ist für viele Leute Heavy Metal mehr als nur Musik – und zwar eine Lebenseinstellung mit eigenem Wertesystem. Wie stehst du dazu, und beeinflusst diese Szene dich als Person und deine Arbeit?

Super spannende Frage! Zum Heavy Metal bin ich sehr früh gekommen, und schon in der Schule, mit elf Jahren oder so, hatte ich die ersten CDs von Iron Maiden und ähnlichen Bands in der Hand. Das hat mich damals einfach viel mehr geflasht als alles, was auf VIVA (R.I.P.) und MTV lief.

Früher, und das kannst du bestimmt bestätigen, hatte Heavy Metal ein eher verruchtes Image. Da hieß es, das sei gefährlich, da sind Drogen im Spiel und so. Das findet man als Jugendlicher natürlich total spannend. Dazu kommt diese Underdogrolle. Ich fand aber vor allem die Community toll, bestehend aus all den Menschen, die die gleiche Musik hören. Das ist ein eigener Schlag Mensch – aber ein sehr ehrlicher, hilfsbereiter und warmherziger. Das hat mich fasziniert. Die standen, früher zumindest, in der Gesellschaft immer ein bisschen außen vor, wenn sie ihre Werte öffentlich und visuell auslebten. Dabei sind das teilweise die nettesten Menschen, die man treffen kann. Und das wurde mir von meinem ersten Konzert an immer wieder bestätigt (das waren damals Nightwish auf der Wishmaster-Tour).

Ich freue mich immer, wenn ich auf Konzerte gehe. Heutzutage ist sogar der Kleiderkodex nicht mehr so extrem. Aber die Menschen sind noch die gleichen entspannten Leute. Da darf jeder er selbst sein. In dieser Community kann man immer eine gute Zeit haben. Natürlich ist das so eine kleine Welt für sich mit ganz besonderen Eigenarten, aber am Ende steht vor allem die Musik – und die liebe ich nach wie vor!

Da sprichst du mir aus der Seele, René. Danke für die Einblicke in dein Leben und deine Arbeit!
Über den Autor

Oliver Engelbrecht

Chefredakteur
Nach meinem Studium der Politikwissenschaft (mit dem Schwerpunkt Diplomatie) habe ich zunächst das SEO-Portal aufgebaut und zuletzt als Chefredakteur geleitet. Nun bin ich bei der Agentur LEAP/ für das Marketing verantwortlich und koordiniere unser Magazin GrowthUp - wiederum als Chefredakteur.