Aus dem Leben eines Tool-Anbieters – Ein Gespräch mit Eoghan Henn

Das erwartet euch in diesem Artikel

  • Was muss man beim Erstellen eines Tools beachten?
  • Wie kann man es vermarkten?
  • Welche Hürden muss man überwinden?

Anstatt von unseren Gastautoren immer lange Texte zu bekommen, haben wir uns mit Eoghan Henn etwas Besonderes überlegt: Alle drei Monate sprechen wir unter vier Augen über ein spannendes Thema – und ihr dürft dabei sein. Doch wer ist dieser Eoghan eigentlich?

Das Wichtigste zuerst: Der Name Eoghan ist irisch und wird wie der englische Name Owen ausgesprochen. Wenn ihr Eoghan trefft, dann solltet ihr seinen Namen besser richtig aussprechen (er ist zwar eigentlich sehr freundlich, aber in diesem Fall garantiert er sonst für nichts!). Beruflich war er als Consultant bei rankingCHECK aktiv, bevor er sich 2016 als freier Online-Marketing-Berater und als Mitgründer des SEO-Tools searchVIU selbstständig machte.

Wenn ihr nicht genug von Eoghans Meinungen und Ansichten bekommen könnt, dann solltet ihr ihm bei Twitter folgen, euch mit ihm bei LinkedIn vernetzen und seine Blogposts bei searchVIU bookmarken. Heute geht es bei unserem Gespräch aber erst einmal um das Thema „Freud’ und Leid eines Tool-Anbieters”.

Grafik: Interviewthema Eoghan Henn

Hallo Eoghan, schön, dass wir uns mal wieder unterhalten. Heute möchte ich mit dir über deine Erfahrungen als Tool-Anbieter sprechen. Erzähl’ doch am besten erstmal, wie du die Tool-Landschaft im Allgemeinen beurteilst und wo du dein Tool searchVIU in dieser Landschaft verortest.

searchVIU ist ein sehr spezialisiertes SEO-Tool. Wir bieten eine Lösung für Website-Relaunches an, die SEO- und Web-Agenturen und Unternehmen dabei hilft, die Umstellungen ohne SEO-Verluste durchzuführen. Ein Tool mit unseren Funktionen gibt und gab es auf dem Markt bisher nicht.

Die SEO-Tool-Landschaft ist sehr interessant und wächst aktuell sehr schnell. Es gibt zum einen tolle Crawler, wie z.B. Screaming Frog oder Deepcrawl. Wir haben auch einen eigenen Crawler entwickelt, aber der ist eher Mittel zum Zweck. Wir brauchen Crawl-Daten, um nachher unsere Analysen durchzuführen, bei denen die aktuelle Website mit der neuen, noch nicht gelaunchten Website verglichen wird, die sich noch in einer Testumgebung befindet. Dann gibt es natürlich auch die bekannten Tools, die eher in Richtung Sichtbarkeit und Keyword-Analyse gehen, wie z.B. Sistrix oder SEMrush. Backlink-Analysen und Ranking-Tracking sind weitere wichtige Funktionen von SEO-Tools, die es entweder als separate Lösungen gibt, oder als eines von vielen Features in den größeren Tools. Und es gibt immer mehr Spezial-Lösungen, wie z.B. den Onsite Optimiser von theWebShed, mit dessen Hilfe man SEO-relevante Elemente unabhängig vom CMS per JavaScript einfügen kann.

Bei searchVIU ist uns wichtig, dass wir auch in Zukunft immer neue Lösungen entwickeln wollen, anstatt Funktionen nachzubauen, die es bei anderen SEO-Tool-Anbietern schon gibt.

Du hast also zunächst mal einen Bedarf gesehen. Wie kam es dann dazu, dass du das Erfüllen dieses Bedarfs selbst in die Hand genommen hast – zusammen mit deinem Geschäftspartner?

Die Idee stammt von Michael Weber, meinem Geschäftspartner, der im Januar 2016 mit der Entwicklung des Tools begonnen hat. Ich bin erst im September 2016 dazugestoßen. Michael hatte vorher mehr als zehn Jahre als Berater in einer SEO-Agentur gearbeitet und dabei viele Relaunches begleitet und später auch als Inhouse-SEO einen großen Relaunch betreut. Ich selbst habe aus meiner Agentur-Zeit auch viel Erfahrung mit Relaunch-SEO und als Michael mir von der Idee erzählt hat, war ich direkt davon überzeugt, dass das funktionieren kann. Da ich mich zu dem Zeitpunkt sowieso gerade selbstständig machen wollte, hat es dann einfach perfekt gepasst, als er mich gefragt hat, ob ich in das Projekt einsteigen möchte.

Wer als SEO schon einmal einen Relaunch durchgeführt hat, der weiß, dass man viele Analysen manuell machen muss und vieles dabei unter den Tisch fällt, weil es einfach ein viel zu großer Aufwand wäre. Wir möchten beim Relaunch so viele SEO-Aufgaben wie möglich automatisieren und unseren Nutzern damit Zeit sparen und zusätzliche Sicherheit geben. Und das Feedback zu der Idee war bisher auch überragend. Das Ganze wirklich umzusetzen, sodass es auch reibungslos funktioniert, ist allerdings noch einmal eine ganz andere Herausforderung.

Was waren denn die ersten großen Schritte, die ihr gemeinsam gegangen seid? Weil gerade am Anfang gibt es ja sicherlich 1000 Sachen zu tun.

Am Anfang haben wir viel Zeit damit verbracht, nicht nur das Tool zu entwickeln, sondern auch das Unternehmen, das wir dafür brauchen, aufzubauen. Wir haben zum Beispiel unsere Werte und Visionen definiert, Ziele gesetzt, Kalkulationen erstellt, ein Projektmanagement aufgesetzt, und natürlich auch viele Kilometer Papierkram erledigt (GmbH-Gründung, Versicherungen, etc.). Außerdem haben wir die verschiedenen Geschäftsbereiche definiert, unter uns aufgeteilt, und festgehalten, wo unsere Stärken und Schwächen liegen, und wo wir in Zukunft Unterstützung brauchen werden. Eine Unternehmensgründung ist sehr viel Arbeit und die meisten der Maßnahmen bringen einem kurzfristig gar nicht so viel, sind aber wichtig, um einen Grundstein für die Zukunft zu legen.

Für die Toolentwicklung haben wir am Anfang Interviews mit verschiedenen Relaunch-SEO-Experten durchgeführt, um unsere Idee zu validieren und zusätzlichen Input zu bekommen. Und wir haben früh mit dem Marketing begonnen, um bereits einen großen Pool an Interessenten für die Beta-Testphase aufzubauen.

Ich kann mir vorstellen, dass der praktische Teil deutlich mehr Spaß gemacht hat. Hattet ihr für die administrative Seite Hilfe oder habt ihr euch da durch alles selbst durchgebissen?

Das haben wir wirklich fast alles selbst gemacht. Wir haben einen Steuerberater, aber den Rest erledigen wir selbst. Um das meiste kümmert sich Michael, weil er ein Talent dafür hat und auch viel Geduld mitbringt. Wir sind ein gutes Team, weil wir dieselben Visionen haben, aber unterschiedliche Stärken, die sich sehr gut ergänzen.

Ich denke mal, deine Stärken liegen dann in der Technik und im Marketing. Du erwähntest ja, dass ihr viele Interviews geführt habt. Wie lief das und welche anderen Wege habt ihr genutzt, um euer Produkt so früh wie möglich bekannt zu machen?

In der Technik weniger! Ich bin zwar ein Marketer mit technischem Fokus, aber ich bin weit davon entfernt, in der Lage zu sein, etwas praktisches zu der Entwicklung des Tools beizutragen. Die Programmierung liegt komplett bei Michael.

So viele Interviews waren es gar nicht. Wir haben ungefähr fünf oder sechs Personen identifiziert, die sich gut mit SEO für Website-Relaunches auskennen, oder die unsere Zielgruppe gut repräsentieren, ihnen unsere Idee vorgestellt, und sie nach ihren Herausforderungen beim Relaunch gefragt. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass in SEO-Agenturen der größte Teil des Aufwands regelmäßig für das manuelle Mapping der alten und neuen URLs draufgeht, auf dessen Basis man dann für den Relaunch die 301-Weiterleitungen erstellt. Das ist einer der Schritte, den unser Tool weitestgehend automatisiert hat, und die Interviews haben uns in unserem Glauben bekräftigt, dass das ein nützliches Feature ist.

Um unser Tool möglichst früh bekannt zu machen, haben wir gleich am Anfang unsere Website erstellt (und seitdem sträflich vernachlässigt), unseren Blog aufgebaut, der auch wirklich gut läuft (zumindest der englischsprachige), ein bisschen PR-Arbeit betrieben, und in erster Linie unser eigenes Netzwerk aktiviert. Unsere wichtigste Zielgruppe sind SEO-Agenturen und da wir selbst aus der Szene kommen, sind wir da natürlich schon ganz gut vernetzt. Außerdem haben wir Vorträge auf ein paar SEO-Konferenzen gehalten und uns für den SEMY-Award in der Kategorie “SEO Software Innovation” beworben, dern wir dann auch gewonnen haben.

Insgesamt hat das alles gut funktioniert und wir hatten sehr viele Interessenten für die Testphase. Wahrscheinlich sogar zu viele. Wenn wir das Ganze noch einmal machen könnten, würden wir wahrscheinlich deutlich weniger Tester auf die Beta-Version lassen, dafür aber mit diesen wesentlich enger kommunizieren. Viele unserer Tester waren mit dem komplexen System überfordert, sind mit der mangelhaften UX nicht klargekommen, und wir sind wegen der hohen Anzahl an Testprojekten mit dem Support gar nicht hinterhergekommen.

Ihr habe also in der Beta-Phase viele oder gar zu viele Tester gehabt. Was hat euch dieser Input dennoch gebracht – und wo hat er euch vielleicht auch verzweifeln lassen, weil es so viel Arbeit oder gar unlösbare Probleme gab?

Die Beta-Testphase hat uns geholfen, Bugs zu finden, die wir sofort beheben konnten, und viele fehlende Features zu identifizieren, die wir nach und nach hinzufügen. Außerdem war sie ein guter Test für die Belastbarkeit unseres Systems. Zudem haben wir in kurzer Zeit eine große Anzahl von Relaunches miterlebt und dabei auch gelernt, welche Herausforderungen unsere Nutzer dabei hatten, ganz unabhängig von unserem Tool. Unsere Software und auch unsere Herangehensweise an die Kommunikation und den Support sind durch die Testphase um Längen besser geworden.

Frustrierend war allerdings, dass viele Testprojekte wegen Bugs und unvorhergesehener Probleme einfach nicht so gut funktioniert haben, wie wir uns das gewünscht hatten. Die meisten Tester hatten sehr viel Verständnis dafür, schließlich war es ja ein Beta-Test. Aber wir selbst waren schon recht enttäuscht.

Inzwischen funktioniert das aber alles viel besser. Wir haben jetzt deutlich weniger Tester gleichzeitig und auch schon einige zahlende Kunden, und wir können uns um jedes Projekt gut kümmern. Wir haben gelernt, dass unsere Lösung komplex ist, und dass unsere Nutzer gerade am Anfang viel Support benötigen, um zu verstehen, wie das Tool konfiguriert werden muss, um gute Ergebnisse zu liefern.

Gab es denn, ganz allgemein gesagt, wirklich unvorhersehbare Probleme, deren Lösung für euch schwer bis unmöglich war? Sei es technischer Natur, betriebswirtschaftlicher Natur oder ganz einfach im Marketing?

Unvorgesehen ja, unvorhersehbar nein. Im Nachhinein betrachtet macht meistens alles Sinn. Wir hätten von Anfang an mehr Aufwand und Liebe in die UX stecken sollen, um das Tool leichter bedienbar zu machen, anstatt einfach nur eine Lösung zu bauen, die funktioniert. Wir hätten mehr Zeit für Support einplanen und die Nutzer besser an die Hand nehmen sollen, anstatt sie alleine aufs Tools zu lassen. Wir hätten mehr begleitenden Content erstellen und schon im Marketing klarer herausstellen müssen, was das Tool genau kann und welche Probleme es löst. Vielleicht hätten wir nur 50 ausgewählte Tester zur Beta-Phase einladen sollen, anstatt 800. Eventuell wäre es besser gewesen, erst später zu launchen, und das Tool lieber noch weiterzuentwickeln, bevor wir es unseren Interessenten zeigen.

Und was waren im Gegenteil die schönsten positiven Überraschungen? Mal abgesehen von der Anzahl an Leuten, die sich direkt für euer Tool interessiert haben?

Wirklich beeindruckend ist die Unterstützung, die man aus seinem professionellen Netzwerk erhält, wenn man sich selbstständig macht oder eine Firma gründet. Das hätte ich so nicht erwartet und das hat mich in den letzten zwei Jahren sehr glücklich gemacht. Der Gewinn des SEMY-Awards war natürlich auch ein absolutes Highlight und eine riesengroße Überraschung. Außerdem bekommen wir regelmäßig sehr positives Feedback von unseren Testern und Kunden, denen das Tool beim Relaunch weiterhilft, und von anderen Personen aus der SEO-Szene, denen die Idee einfach gefällt. Unsere Blog-Artikel sind sehr beliebt und kommen immer gut an, was uns ebenfalls stolz macht. Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben, auch wenn wir uns viele Dinge anders vorgestellt haben.

Ihr seid ja nun bereits seit über zwei Jahren dabei, das Tool zu entwickeln. Was waren deine größten Learnings, aus positiven und negativen Erfahrungen? Also die Dinge, die du Leuten mit den auf den Weg geben würdest, die jetzt mit dem Gedanken spielen, ein ähnliches Abenteuer zu starten?

Eine Firma zu gründen ist harte Arbeit und kann manchmal sehr frustrierend sein. Da ist es wichtig, mit Leuten zusammenzuarbeiten, zu denen man vollstes Vertrauen hat und mit denen man gut klarkommt. Ich habe großes Glück mit meinem Geschäftspartner Michael, weil wir einfach auf einer Wellenlänge sind, und ich will mir gar nicht vorstellen, wie schwierig es wäre, mit jemanden zusammenzuarbeiten, mit dem die Chemie nicht so gut passt, oder wo die Visionen und Ziele stark auseinandergehen. Man sollte sich also vorher sehr gut überlegen, mit wem man so ein Abenteuer starten will. Und das betrifft nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Freelancer oder andere Kollegen, mit denen man zusammenarbeitet. Wir haben in unserer kurzen Historie in dem Bereich auch schon einige schlechte Entscheidungen getroffen und dadurch viel Zeit, Energie und Geld verloren und einige Chancen verpasst. Das Wichtigste ist also, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben, dann klappt der Rest schon irgendwie.

Das ist doch eine schöne Motivation. Was sind denn deine Träume mit searchVIU – und was denkst du, wo ihr in zwei bis drei Jahren mit dem Tool stehen werdet?

Ich hoffe erstmal, dass wir genug Kunden für das Tool gewinnen können, um davon leben zu können. Aktuell machen Michael und ich beide Consulting zum Überleben und stecken unser Erspartes in die Firma, weil wir mit den Tool-Kunden, die wir aktuell haben, noch nicht die Kosten decken können. Ich will zwar langfristig weiter Beratung machen, um am Ball zu bleiben, aber ich will nicht mehr davon abhängig sein.

Im nächsten Schritt wäre es natürlich super, ein Team aufzubauen, damit wir das Tool weiterentwickeln und mehr begleitende Inhalte erstellen können. Da sind wir noch meilenweit von unserer Vision entfernt, weil uns einfach die Mittel fehlen, um das alles aufzubauen.

In zwei bis drei Jahren denke ich, dass es realistisch ist, dass wir nicht mehr von unseren Beraterjobs abhängig sind und die Firma sich selbst finanziert. Außerdem wollen wir Lösungen für weitere Anwendungsfälle entwickeln, sodass es sich nicht mehr um ein reines Relaunch-SEO-Tool handelt, sondern um eine Sammlung von mehreren Modulen für spezielle SEO-Use-Cases. Wenn es sehr gut läuft, haben wir bis dahin eventuell sogar damit begonnen, unser Team aufzubauen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die nächsten Jahre noch bringen!

Und ich erst! Wir werden das weiter gespannt begleiten, zunächst mit unserem Nächsten Interview im kommenden Quartal. Bis dann.
Über den Autor

Oliver Engelbrecht

Chefredakteur
Nach meinem Studium der Politikwissenschaft (mit dem Schwerpunkt Diplomatie) habe ich zunächst das SEO-Portal aufgebaut und zuletzt als Chefredakteur geleitet. Nun bin ich bei der Agentur LEAP/ für das Marketing verantwortlich und koordiniere unser Magazin GrowthUp - wiederum als Chefredakteur.
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