Digital:Relaunch 2019 Recap

Das erwartet euch in diesem Beitrag

  • Wie war es auf der Veranstaltung?
  • Was haben wir gelernt?
  • Wer waren die besten Speaker?

Am letzten Montag habe ich zum ersten Mal die Digital:Relaunch besucht, die seit einigen Jahren von den Kolleginnen und Kollegen der Infopark AG ausgerichtet wird. Hier treffen sich einmal im Jahr Mittelständler und Agenturen, um über die Herausforderungen der Digitalisierung zu diskutieren. Ich war sehr gespannt auf die Vorträge, da ich die meisten Speaker zum ersten Mal erlebt habe. Los ging es mit dem Chef der Veranstaltung, dem Gründer der Infopark AG.

Bernd Völcker: Erfolgreiche Digitalisierungsstrategie

Die Frage, die wir uns laut Bernd Völcker stellen müssen, ist diese: Verlieren auch unsere Produkte ihre physische Entsprechung (wie z. B. Stadtpläne)? Bzw. können unsere Angebote vor Ort mit einer digitalen Welt mithalten?

Finden wir doch besser den Punkt, an dem wir unsere Wertkette durch Kommunikation vereinfachen können und setzen wir dort das Internet ein. Am besten, indem wir zu unseren althergebrachten Angeboten neue schaffen, die sich im selben Bereich bewegen, aber ein neues Problem lösen.

Foto: Digital:Relaunch

Abb. 1: Los geht’s mit dem Chef.

Dabei ist es egal, ob Universitäten auf Nanodegrees mittels Massive Open Online Courses setzen oder ob ein B2B-Unternehmen eine Software anbietet und damit andere Systeme und Plattformen als Zielgruppe gewinnt – im Endeffekt zählt immer die Vereinfachung für den User.

Ein schöner Vortrag mit vielen Insights, der stark aufzeigte, wie facettenreich der Prozess der Digitalisierung doch ist.

Daniela Drees: Best Practice Nestlé: Digital Acceleration bei Nestlé

Es folgte Daniela Drees, die uns mit ins Hauptquartier von Nestlé nahm. Hier ist seit einiger Zeit das Digital-Acceleration-Team angesiedelt, welches mit über 220 Leuten die Digitalisierung des Konzerns vorantreibt.

Mit schönen Vorgehensweisen wie dem Buddy-System, das Kollegen aus anderen Teams integriert sowie dem Reverse Mentoring, bei dem junge digitale Talente den älteren (Vorgesetzten) etwas beibringen, sorgt das DAT für einen Umschwung in einem Traditionsunternehmen.

Ein interessanter Case aus der Wirtschaft, der zeigt, dass viele Konzerne mittlerweile nach Wegen suchen, digitaler zu werden.

Philipp Depiereux: Digitale Transformation im Mittelstand – Ziele und Hindernisse

Der nächste Speaker hatte keine Slides dabei, das hat mich sehr gefreut! Und auch sonst legte Philipp Depiereux einen sehr frischen Auftritt hin, mit dem er die Anwesenden motivierte, auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen. Trotzdem betonte er auch, dass der deutsche Mittelstand richtigerweise viel Gutes zu bewahren hat.

Interessant fand ich, dass für ihn die wahren Helden der Digitalisierung die alteingesessenen Angestellten aus der Bewahrerorganisation sind. Denn diese entwickeln die Neugier auf das Neue, lernen es und tragen es dann in ihr Umfeld. Und nur dann ist es auch skalierbar und nicht nur ein Lab als Feigenblatt.

Sudan Jackson: Best Practice REWE digital: Freiheit braucht Regeln, aber brauchen wir noch ein Management?

Sudan Jackson zeigte direkt an einem schönen Beispiel auf, dass wir schon längst digitalisiert sind: Bei der Papstwahl 2005 wurde ein Handy in die Luft gehalten – beim selben Event acht Jahre später sah man nur ein Meer aus Smartphones. Aber nicht in allen Bereichen können wir mit diesem Prozess wirklich Schritt halten, was ihn zum Zitat des Tages brachte:

„Die Leute, die wir früher fotografiert haben, weil sie ihre Wäsche im Fluss waschen, fotografieren heute uns, wenn wir beim Bezahlen irgendwelche Karten rausholen.“

It’s funny cause it’s true. Aber auch darüber hinaus war dieser Vortrag der mit Abstand beste des Tages. Sudan redete den Zuschauern ins Gewissen und bat sie, nicht jedem Trend zu folgen und jedes Buzzword auf ein Podest zu heben. Viel wichtiger ist es für ihn, dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter sich wohlfühlen, dass neue Führungskräfte ihren Stil auf ihre Generation anpassen und dass wir nicht immer nur disruptieren, sondern auch bestehende Dinge einfach mal verbessern.

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Florian Dohmann: „AI Thinking“ – Chancen und Herausforderungen von Daten & Künstlicher Intelligenz im Mittelstand

Der nächste Speaker gab erst einmal zu bedenken, dass die meisten unserer Algorithmen mehr als 30 Jahre als sind. Aber mittlerweile haben wir sowohl die Menge an Daten als auch die leistungsstarken Maschinen, durch welche die Algos großartige Dinge anstellen können.

Die große Power der AI ist also die Kombination vieler kleiner Problemlöser. Alle fokussieren sich auf individuelle Probleme, die sie richtig gut erlernen, und zusammen lösen sie das große Problem. Und das Ganze auf der Basis der Schulmathematik und der Funktionen.

Deshalb brauchen wir alle nicht nur gute Daten, sondern auch Systeme, die mit diesen Daten umgehen können. Und hier kommt die Data Science ins Spiel, die aber eigentlich passender als Data Engineering mit Fokus auf Anwendungen bezeichnet werden sollte.

Zum Abschluss dieses tollen Einblicks in eine spannende Welt gab es noch den Appell: Hört auf, groß zu denken und nichts zu machen! Fangt lieber klein an und setzt schnell um.

Dr. Holger Schmidt: Innovation: Die zweite Halbzeit der Digitalisierung

Laut Holger Schmidt befinden wir uns bereits in der zweiten Welle der Digitalisierung. Für ihn ist im ganzen Prozess die zentrale Frage, was man disruptiert.

Denn auf der Produkt-Ebene ist es deutlich schwieriger, einen wirklichen Mehrwert zu liefen, als auf der Plattform-Ebene. Sein bestes Beispiel dafür ist das iPhone, welches sich in der ersten Ausgabe vergleichsweise schlecht verkaufte – es war halt nur ein neues Telefon. Erst als für die nächste Generation der AppStore hinzukam und damit auch eine neue Plattform geschaffen wurde, ging es durch die Decke.

Jacob Fahrenkrug: Best Practice Viessmann: Wie ein 100 Jahre altes Traditionsunternehmen digitalisiert wird

Eine schöne Best Practice lieferte dann Jacob Fahrenkrug vom international tätigen Familienunternehmen Viessmann. Neben der technischen Innovation wurde und wird der Fokus hier vor allem auf die Erwartungen der Kunden und Mitarbeiter gelegt. Heraus gekommen ist ein Purpose-Driven-Framework unter dem Banner „Create living spaces for generations to come“.

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Auf dieser Basis finden viele Gespräche, Workshops, OKR-Prozesse und Innovationen statt. Ein wirklich starker Einblick in die Realität eines Traditionsunternehmens, das die neuen Herausforderungen als Chance sieht und sich entsprechend aufstellt.

Thomas Witt: Best Practice Web Projekte: Technologien zur Digitalen Transformation

Thomas Witt hielt einen sehr unterhaltsamen Vortrag, in dem es vor allem um die Vorteile einer serverlosen Architektur ging. Vieles war etwas technisch, aber auch ich habe verstanden, dass man so die Kosten viel sinnvoller an die Realität anpassen kann – und eben nichts zahlen muss, wenn das System stillsteht.

Ein spannender Ausflug in eine Welt, in der ich mich sonst nie aufhalte: die der Technik.

Constantin Gonzalez Schmitz: Best Practice Amazon: Innovation im Auftrag Ihres Kunden

Wenn es ein Unternehmen gibt, das ständig testet und dabei datengetrieben arbeitet, dann ist es Amazon. Constantin Gonzales zeigte in Ausschnitten, wie das AWS-Team arbeitet – mit interessanten KPIs (Time to revenue), mit interessanten Teamstrukturen (maximal acht Leute) und coolem Reporting (Cause-of-Error-Reports ohne Namen, die ewig gespeichert werden).

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Es ist immer schön, aus dem Innenleben von Unternehmen zu hören, bei denen es nachweislich richtig gut läuft. Was kleinere Firmen davon direkt umsetzen können (und sollten) ist dann immer die andere Frage.

Podiumsdiskussion „Digitalisierung konkret“: Best-Practices und konkrete To-dos bei der ganzheitlichen Transformation im Mittelstand

Es folgte eine Podiumsdiskussion mit VertreterInnen von Alba, OpenSpace, Tagesspiegel und Tandemploy. Ich bin absolut kein Freund solcher Diskussionen – und noch weniger, wenn sie anderthalb Stunden gehen und es keine Kontroversen gibt. Alle vier waren sich einig, dass die Digitalisierung wichtig ist und ihre Firmen sie richtig angehen. Der Mehrwert hielt sich für mich in Grenzen. Es ist kein Wunder, dass sich bei solchen Diskussionen meistens die Reihen im Publikum lichten, wenn sie am Ende eines Tages stattfinden.

Gabriele Horcher: Künstliche Intelligenz in Sales und Marketing

Doch hier war der Tag noch nicht vorbei – im Gegenteil. Es folgte Gabriele Horcher, auf deren Insights ich mich schon sehr gefreut habe. Sie lieferte einen starken Vortrag ab, in dem sie zwar einige spannende Apps und Softwares vorstellte, die uns auf Sicht viel Arbeit abnehmen können. Aber sie führte auch aus, warum es die Menschen im Marketing weiter brauchen wird und welche moralischen Fragen wir zu beantworten haben.

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Im Endeffekt stellte sie drei Paradigmen in den Raum, mit deren Hilfe wir uns diesen neuen Technologien nähern sollten:

  1. Auf die Angst zugehen, um ihr die Macht zu nehmen.
  2. Ich weiß NOCH nicht, wie es geht.
  3. Zukunftsfähigkeit durch Experimente herstellen.

Manfred Klaus: Closing Keynote: Digital Marketing Outlook

Manfred Klaus sagte in seinem Ausblick selbst, dass Prognosen und Trends immer nur schon Bekanntes mit einbeziehen können. Es gibt aber auch unerwartetes (z. B. Pokemon Go), was heute noch niemand kommen sieht. Deshalb braucht es den Menschen, der auf solche Entwicklungen reagiert. Und deswegen können solche Vorträge auch nur bedingt in die Zukunft schauen.

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Er hat jedoch vier Themenfelder identifiziert, die in den nächsten Monaten auf jeden Fall wichtig werden:

  1. Daten: Die DSGVO war o. k., jetzt wird die E-Privacy spannend.
  2. Hyper-Personalization: One size fits all funktioniert immer weniger.
  3. Voice as a new Interface: Hier entwickeln sich neue Chancen und neue Gatekeeper.
  4. Future Storytelling: Kanäle fragmentieren sich immer schneller, werden sich aber auch immer ähnlicher.

Fazit

Die Digital:Relaunch war hervorragend organisiert, und man merkte, dass die Veranstalter so etwas nicht zum ersten Mal gemacht haben. Besonders hat mir die Pausenuntermalung mit dem Live-Gitarristen zugesagt, der auch während der Slots als unauffällige Erinnerung diente, wenn die Speaker ihre Zeit überzogen – eine klasse Idee.

Immer öfter beobachte ich allerdings die Tendenz, Online-Marketing-Konferenzen zu lang zu machen. Zehn Stunden sind einfach zu viel des Guten, und ein oder zwei Slots weniger hätten es auch getan. Die Reihen hatten sich am Ende schon etwas gelichtet – und das lag sicher nicht an der Qualität der letzten beiden Vorträge.

Insgesamt aber eine tolle Veranstaltung, die auch schön die zum Teil sehr unterschiedlichen Meinungen in der Branche abbildete. Denn allein in diesem Recap kommen ja schon einige gegensätzliche Ansichten unter den Speakern zum Vorschein. Damit leistet die Digital:Relaunch einen starken Beitrag zur Schulung ihrer Zielgruppe.

Über den Autor

Oliver Engelbrecht

Chefredakteur
Nach meinem Studium der Politikwissenschaft (mit dem Schwerpunkt Diplomatie) habe ich zunächst das SEO-Portal aufgebaut und zuletzt als Chefredakteur geleitet. Nun bin ich bei der Agentur LEAP/ für das Marketing verantwortlich und koordiniere unser Magazin GrowthUp - wiederum als Chefredakteur.